mein erste Chatbesuch nach jahrelanger Abstinenz
(soifz, ich wusste schon warum)

Zuerst mal einen Raum mit einem nicht zu abschreckenden Namen gesucht, also nicht „50-55-60ziger im Internet“ und auch nicht „Senioren“ und schon gar nicht „Flirt-BaWü“

Das klingt doch: Philosophische Gespräche
Thema: Die Philosophie will uns innerlich formen und bilden. Sie zeigt uns, was wir tun und lassen sollen. Sie regelt unser Leben und leitet unsere Handlungen.Seneca.

Wobei ich es mir schon als ziemlich anstrengend vorstelle, wenn auch nur die Hälfte der Raumteilnehmer in die Tasten hauen, einem Gespräch zu folgen. Zuerst das Positive: es war gar nicht so schwer zu folgen. Was wohl daran lag, daß sehr Wenige sehr wenig schrieben.
Ich ließ dem ganzen etwas Zeit sich zu entfalten.
Es war ergreifend, bewegend, oder heißt das rührend und wäre es nicht besser gewesen gleich zu schreiben: erschütternd!

Ein Drittel waren Statusmeldungen, Benutzer betritt, Benutzer verlässt den Raum. Dazwischen ein paar „Hallos“ und ein/zwei Monologe, Thematisch zwischen Verdeutlichung der eigenen Verdauungsfunktionen (ob da jemand das mit dem „innerlich formen und bilden“ nicht granatenmäßig mißverstanden hat?) und Schlafverhalten angesiedelt. Es scheint wohl für manch einen von tieferem Interesse zu sein, wie geschmeidig der eigene Stuhlgang gehandhabt wird. Nach ca 15 Minuten war die erste Bildschirmseite voll (mein Monitor hat eine Höhe von 1200px) und meine Leidensfähigkeit ausgereizt.

Oookaay, das war wohl nix mit philosophischen Gesprächen, also mal weiter in einen Raum mit geringeren Ansprüchen: Baden-Württenberg
Deutlich! mehr Insassen, noch weniger Text, ca 50% Systemmeldungen über Gehende und Kommende.
Wer tut sich solch Ödnis freiwillig an? Klar, die sind alle ganz intensiv mit Dialogen im Hintergrund beschäftigt. Bei mir poppen dauernd Dialogfenster auf, in denen ich nach meinem werten Wohlbefinden (oder schlimmerem) befragt werde. Meine Assoziationen führen mich rasch zu den Feuerameisen ….
Ich will jetzt ja nicht ungerecht sein, aber ich wiederholte das Experiment sicher nicht noch einmal, nicht zu anderen Zeiten und auch nicht in anderen Räumen.

Am Ergebnis änderte sich dadurch sicher wenig. Da ist ja Nasepopeln spannender und sinnbehafteter. Wahrscheinlich muss man sich erst mal eine Weile eingewöhnen um eine Art „Mitgliedschaft“ zu erlangen, ein paar Tage fröhliches vor sich hin grüßen und eifriges Monologisieren um irgendwann mal „dazu zu gehören“. Nuja, den Prozess kennt ja jeder, der schon mal bei AOL war.
So eine Art freiwillige Selbstlobotomisierung für die Illusion wahrgenommen zu werden.

Vielleicht habe ich einfach noch zu viel funktionierende Sozialkontakte, um den Wert des Chats würdigen zu können? Zuviel andere Interessen um mich damit Begnügen zu können auf einen Monitor zu starren und darauf zu warten, daß da, nach einem unkalkulierbaren Zufallsprinzip, irgendetwas „interessantes“, meine Neugierde Erregendes, passieren könnte.
(Eher installiere ich mir freiwillig GIMP, als im Chat auf Systemmeldungen zu glotzen und dabei dauern „was magst du“ Dialoge weg zu drücken)

Da ist das scrollen durch unbekannte Profile um ein vielfaches interessanter. Nicht nur, weil man sich endgültig das Fremdschämen abgewöhnen könnte (die Reizüberflutung in der Hinsicht ist gigantisch), sondern es gibt auch tatsächlich Lesbares und Amüsantes und Bilder, bei denen mich nicht sofort spontane Augenkrätze überfällt.

Okay, das war jetzt alles nicht wirklich überraschend ;-}